810 Jahre Roßlau
Festrede Roßlau am Donnerstag, 20. Februar 2025, 19.00 Uhr im Ratssaal des Roßlauer Rathauses (leicht gekürzt)
„Zu jener Zeit hielt Markgraf Albrecht […] das östliche Slawenland (in Händen); auch er spann den Faden seines Schicksals mit Gottes Hilfe höchst erfolgreich fort. Das ganze Land der Brizanen1, der Stoderanen2 und der vielen zwischen Havel und Elbe sitzenden Stämme unterjochte er und zügelte die Aufsässigen unter ihnen.
Schließlich schickte er, als die Slawen allmählich abnahmen, nach Utrecht und den Rheingegenden, ferner zu denen, die am Ozean wohnen und unter der Gewalt des Meeres zu leiden hatten, den Holländern, Seeländern und Flamen, zog von dort viel Volk herbei und ließ sie in den Burgen und Dörfern der Slawen wohnen.
Durch die eintreffenden Zuwanderer wurden auch die Bistümer Brandenburg und Havelberg sehr gekräftigt, denn die Kirchen mehrten sich und der Zehnt wuchs zu ungeheurem Ertrage an.“3
Auch wenn die Stadtgemarkung Roßlaus schon mehrere 1000 Jahre früher und länger besiedelt (und wieder verlassen) worden war, so darf der Aufruf Albrechts des Bären um 1150 auch als die Geburtsurkunde Roßlaus angesehen werden.
Weiter heißt es in der „Cronica Slavorum“ (der Slawenchronik) des Helmold von Bosau: „Zugleich begannen die holländischen Ankömmlinge aber auch das südliche Elbufer zu besiedeln […] das ganze Sumpf- und Ackerland, nämlich das Land Belze4 und das Marschnerland5, mit vielen Städten und Dörfern bis hin zum böhmischen Waldgebirge […] unübersehbare, mächtige Scharen sind vom Meeresastrande herbeigeführt worden, haben das Gebiet der Slawen eingenommen, Städte und Kirchen aufgebaut und sind über alle Erwartung hinaus wohlhabend geworden […]“6
Dies dürfen wir für unsere Stadt mit etwa 1180 ansetzen, als auch die Nachbarstadt Dessau besiedelt wurde. Wir haben das Glück, dass es von dieser Landnahme ganz in unserer Nähe eine Urkunde gibt, eine der ganz wenigen, wo für eine mittelalterliche Siedlung in Mitteldeutschland das genaue Gründungsjahr und die Umstände der Entstehung bekannt sind. Im Jahre 1159 verkaufte Abt Arnold von Ballenstedt die beiden seinem Kloster gehörenden Sorbendörfer Nauzedele7 und Nimiz8 an flämische Kolonisten. Diese legten die Dorffluren zu einem „Nyendorp“ (Naundorf) zusammen und teilten sie in 24 Hufen auf. Diese nahmen sie nach flämischem Recht als ihr frei verfügbares Eigentum in Besitz. Der Vater vererbte das Gut seinem Sohne, indem er ihm einen grünen Reis übergab, weshalb die Bauernhöfe auch „Reisgüter“ hießen. An Abgaben war nur der Kirchenzehnt zu entrichten, 2 Wispel Weizenmehl (etwa 1.250 l), 2 Wispel Weizenkorn und 2 Solidi, einer gängigen Münze und bis zum 12. Jahrhundert auch Leitwährung im Mittelalter.9 Den vollen Ertragszehnt zahlten die Slawen nicht, weshalb der Abt wohl die flämischen Bauern einlud, die die „zu einer neuen wirtschaftlichen Einheit zusammengefassten ehemaligen slawischen Siedlungen bebauen sollten.“10
Zu jeder Hufe gehörte auch ein Anteil am Gemeindeland, der wichtig für die Versorgung war, Wald, Weide, Wasser. Diese Verhältnisse galten bis zur Separation im 19. Jahrhundert.
Der Organisator der Ansiedlung, der „Burmestere“, der Bauermeister erhielt zwei Hufen, die wie die Hufe der Kirche abgabenfrei waren.11 180 Jahre später verkaufte das Kloster Naundorf für vier Tücher („pro quattuor pannis speciosi coloris“) an Fürst Albrecht II. von Anhalt12. Das Dorf ist heute ein Ortsteil von Waldersee.
Ich habe das hier etwas ausführlicher geschildert, weil wir uns die Ankunft der flämischen Siedler in Roßlau ähnlich vorstellen können. Auf einem Sandsporn am Ausgange der Rosselniederung in das Urstromtal der Elbe gründeten die flämischen Siedler ähnlich wie in Dessau ein deutsches Bauerndorf. In der Nähe, wohl auf der anderen Rosselseite befand sich das ältere sorbische Dorf, dessen Name auf die Neugründung übernommen wurde. Rozelowe nennt sie die Ersterwähnung vom 21. Februar 1215, jenem Datum das uns in diesem Jahr wieder in besonderer Weise zu Innehalten ruft.
Der Ort des Roslav geht auf den Vollnamen Rostislav zurück. Dieser bedeutet wiederum aus dem Urslawischen rosti = wachsen und slava, was neuerdings öfter an unseren Wänden steht = Ruhm. Eingedeutscht wurde es dann Rozel.
Noch 1541 waren die 19 bäuerlichen Hufen völlig frei von Abgaben.13 Das Straßendorf (deutsche Siedlung) breitete sich entlang der von Zerbst nach Wittenberg auf dem Hochufer der Elbe führenden Straße aus, die hier im Schutze der Burg die Rosselniederung querte. Vielleicht gab es auch schon von Anfang an Ansätze für eine städtische Siedlung, denn südlich der 1316 erstmals erwähnten, aber älteren Marienkirche entstanden mit einem trompetenrohrähnlichen Grundriss Dorfplatz mit Dorfteich, dem späteren Markt und die sich verengende Elbgasse, wie sie dem 1180 erwähnten Wittenberg oder Dessau ähneln. 1382 heißt es zum ersten Male „stat“, auch wenn es zu städtischen Rechten noch ein weiter Weg war.
Die alte slawische Bevölkerung wurde allmählich assimiliert. Die Flamen brachten ausgezeichnete Kenntnisse im Wasserbau, bei der Anlegung von Mühlenwerken mit, kannten aber auch schon den eisernen Pflug, der dem hölzernen Hakenpflug der Einheimischen überlegen war.
Das Slawische blieb bis 1293 Gerichtssprache. „Jeder, den man beschuldigt, kann sich weigern zu antworten, wenn man ihn nicht in seiner Muttersprache beschuldigt“, heißt es im um 1230 entstandenen „Sachsenspiegel“ des Eike von Repkow.14
So wie heute englische Wörter und unter der Jugend zunehmend auch türkisch/arabische Begriffe in die Alltagssprache (siehe Jugendwort des Jahres 2024) weitgehend unkritisch übernommen werden, geschah dies vor 800 Jahren auch. Slawische Wörter wanderten ins Deutsche ein, und auch heute finden wir sie noch in unserer Umgangssprache.
So haben wir es bei Erkältungen auf einmal auf der Plauze (płuco). Umgangssprachlich gehen wir einen pietschen (pić) oder haben ausgetretene Latschen (laczky). Und für das Backofenfest holen die Streetzer zuvor Kuntschen (koniec = Kiefernzweige) zum Anheizen aus dem Wald.
Es hielten sich aber noch lange Reste von „zweyerley Sprachen unter den Unterthanen“15. Das Land- und Amtsregister von 1576 nennt unter den „Haußgenoßen, so zu Roßlaw befunden“ die „Wendische Greta“, und in den 1660er Jahren läßt Hanß Noack, der Wende Kinder taufen, steht „Margaretha, Hanß Noak des Wents zu Stretz eheweib“ Pate 1665 und 1667.16 Nach dem Dreißigjährigen Kriege könnten wir es hier aber auch mit Zuwanderern aus der sorbischen Lausitz zu tun haben.
Andererseits tragen wir auch Spuren unserer flämischen Vorfahren in unserer Umgangssprache. Wir rubbeln, wir kokeln, wir mögen Streußel17 oder bewundern die „Hinner“ auf den jährlichen Zuchtschauen in der Endmontagehalle des Elbewerks, die wir den industriellen Traditionen Rechnung tragend „Sachsenberg-Halle“ nennen sollten.
Und wenn ein Roßlooer das „miche“ und „diche“ gegenüber dem „mir“ und „dir“ deutlich bevorzugt, so darf er sich getrost auf unsere flämischen Urahnen berufen, denn sie kannten nur das „mi“ für beide Fälle geltend.
Werte Anwesende,
unsere Landschaft ist geprägt von den Folgen der letzten Eiszeit vor etwa 10.000 Jahren. Die regelmäßigen Überschwemmungen von Elbe und Mulde lagern Sedimente ab und bilden eine bis zu zwei Meter mächtige Auelehmschicht, wichtiger Rohstoff für die Ziegeleien, gewonnen aus dem Ziegelwerder, im Volksmund Lehmwiesen genannt.
Die Siedler hatten das neue Rozelowe auf einer Talsandinsel erbaut, die tatsächlich bis auf wenige Ausnahmen hochwasserfrei blieb. Der Übergang von der Warmzeit des Mittelalters zur kleinen Eiszeit der beginnenden Neuzeit führte zu gewaltigen Hochwassern. 14 wurden in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts gezählt. Mehrere Burgen (Reina, Waldeser) wurden zerstört, Dörfer gingen in den Fluten unter. Über die Opfer unter der Bevölkerung wissen wir so gut wie nichts. Wir können es zu erahnen versuchen, wenn wir angesichts der Entdeckungen vor dem Bau des Bauhausmuseums von einer Vorstadt Dessaus erfahren, über die es bis dahin überhaupt keine Nachricht gab. Sie ging wohl während des Magdalenenhochwassers 1342 unter.
In diesen schweren Jahren der immer wiederkehrenden schlimmen Hochwasser sprang die Elbe spätestens 1342 mit ihrem Bett Roßlau vor die Füße.
Die Fürsten schenkten am 23. August 1349 der Dessauer Marienkirche die Einkünfte aus den untergegangenen Pfarrkirchen Waldeser und Reina und verlegten die Elbfähre nach Roßlau. Roßlau war Elbestadt geworden und begann zunehmend davon zu profitieren. 1382 bezeichnet eine Quedlinburger Lehnsurkunde Roßlaw als „stat“, 1392 hieß es „städtchen“. Möglicherweise hatte der Ort befördert durch den Fährbetrieb erste städtische Züge angenommen.
Nicht unwesentlich mitgeprägt haben dürfte diese Entwicklung die Rolle Roßlaus als Verwaltungszentrum des Amtes Roßlau, des „größten und stärksten des Zerbster Fürstentums“18. Die Bauern und Einwohner hatten das ganze Jahr über Dienste und zu verschiedenen Terminen Abgaben zu leisten. Dabei bot es sich an, etwaige Überschüsse in der immer noch kleinen Siedlung um die Marienkirche zum Tausch anzubieten beziehungsweise Waren zu erwerben, die nicht selbst hergestellt werden konnten.
Ende des 15. Jahrhunderts endete die Zeit Roßlaus als Witwensitz, der nun nach Coswig wechselte. Mit dem Erlass einer fürstlichen Amtsordnung für das Amt Roßlau im Jahre 1484 wurde die Roßlauer Burg endgültig Amtssitz. Dies blieb sie auch bis 1741, als das fürstliche Amt in das neu erbaute Rathaus am Markt einzog. Aus dem Hochfürstlichen Justizamt wurde 1850 die Kreisgerichtskommission. Die staatliche Aufsicht zog Stück für Stück aus Burg und Rathaus nach Zerbst um. Zum Kreis Zerbst gehörte Roßlau bis 1935 und nochmals von 1945 bis 1952. Dann wurde der Kreis Roßlau gegründet. Sehr zum Ärger der Coswiger wurde nicht die historisch bedeutendere Stadt Coswig/Anhalt (Stadtrecht von 1215) Kreisstadt, sondern die seit den 1890er Jahren größere Stadt Roßlau bestimmt.19 Das währte bis 1994, als Zerbst Kreisstadt des neu gebildeten Landkreises Anhalt-Zerbst wurde. Der ist aber seit 2007 auch schon wieder Geschichte. Zerbst verlor seinen Status an die Kreisstadt Köthen (Anhalt). Nur gab es dieses Mal keine Entschädigung für den Statusverlust wie seinerzeit, als wir Roßlauer fünf Jahre lang 2,25 Mio. DM zur freien Verfügung erhielten, erstritten durch gemeinsames Handeln der Bürgermeister der meisten Ex-Kreisstädte.
Werte Festversammlung,
wenn es sich bei den Kreisen auch um Körperschaften der kommunalen Selbstverwaltung handelt, so wollen wir uns nun wieder unserem Städtchen zuwenden, das im 16. und 17. Jahrhundert auch Flecken Roßleben genannt wurde.
Die Stadtwerdung Roßlaus vollzog sich endgültig im 16. Jahrhundert. 1534 wird erstmals ein Schulmeister (Küster) erwähnt. Im Landregister von 1541 wurden zum ersten Male Bürgermeister20 und Rat erwähnt. Dabei wurde auch auf die Rechenschaft des Rates hingewiesen, am Montag nach Dreikönige dazu eine Mahlzeit auszurichten und zu bestellen. „Das bier, so daruber getruncken, muß die gemeine.“21
Da dem Rat auch Rechtsakte unterlagen, gab er sich auch ein Stadtsiegel, das von Anfang an das heutige Stadtwappen zeigt. Es ist keine Verleihung von irgendwelchen Gnaden bekannt, so dass wir mit einigem Stolz nicht nur auf den eigenen Schöpfungswillen der Altvorderen sondern auch auf ein Alleinstellungsmerkmal in der Städteheraldik verweisen können. Das älteste Stadtsiegel stammt aus dem Jahre 1546. Es zeigt bereits unser schönes Wappenschiff, allerdings noch ohne den Karpfen am Mastende. Dieser kam bekanntlich erst mit dem Bau des Rathauses 1740 in unser Wappen.22 Bis dahin befand sich noch ein kleiner Mastkorb an der Spitze des Segelmastes.
Aus dem Dorf, der städtischen Siedlung hatte sich eine kleine Stadt, ein Flecken entwickelt, deren Einwohnerschaft selbstbewußt genug war, sich einen Rat zu erwählen, sich ein Wappen zu geben und die fürstliche Herrschaft zu drängen, städtische Rechte zu erteilen bzw. den städtischen Rang anzuerkennen. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass die Stadt mit ihren vier Straßen bzw. Gassen nur etwa 300 Einwohner gehabt haben dürfte. Kein Vergleich zur Stadt Coswig oder gar zu Zerbst, der mit Abstand größten Stadt Anhalts, zwischen Magdeburg und Leipzig. Während 1555 in Roßlau 53 Hauswirte ein Vermögen von 4813 fl versteuerten, waren es in Zerbst 798 Hauswirte und 231 Hausgenossen mit einem Vermögen von 246.011 fl.23
Die Nähe zu Zerbst und vor allem zu Dessau erschwerte auch Jahrhunderte lang die Entwicklung Roßlaus. Bis in das 19. Jahrhundert hinein blieb die Stadt ein ziemlich unbedeutendes Ackerbürgerstädtchen. Dies darf und kann uns aber nicht traurig stimmen. Wir haben unsere eigene Geschichte, unsere eigenen Traditionen, und es war immer und stets die eigene Kraft und Zuversicht, die Roßlaus Entwicklung vorantrug. Während andere Städte ihre Entwicklung fürstlichen oder bischöflichen Residenzen oder gar obrigkeitlichen Launen (Oranienbaum) verdanken, so war es in Roßlau mit drei Ausnahmen immer die eigene Bürgerschaft, der die Stadt ihr Vorankommen verdankt.
Diese Ausnahmen seien kurz, aber auch dankbar vermerkt:
Fürst Johann August von Anhalt-Zerbst (1677-1742) ließ das so genannte kleine Schloss auf dem Burggelände und das Rathaus auf dem Marktplatz erbauen.
Herzog Heinrich von Anhalt-Köthen (1778-1847) liebte unsere Stadt und förderte sie und ihre Vereine. So war er zum Beispiel bei der Fahnenweihe des RSchV1847 am 3. Januar 1847 persönlich zugegen. Ihm verdankt die Stadt die Wiederbelebung der Burg, ihre Erneuerung (1836-1838) im Zeitgeist von Romantik und Neogotik
Und schließlich war es die Stadt Dessau, die den Industriehafen errichtete. Wir sollten den Groll über den Verlust der bei der Eingemeindung am 1. April 1935 einkassierten Stadtkasse
begraben. Die mit dem Angesparten zu bauende Kanalisation haben wir seit 1990 in einem fast atemberaubenden Tempo errichtet. Und das auch wieder aus eigener Kraft und dank der Baukostenzuschüsse unter Beteiligung aller Adjazenten, wie die zu Beiträgen heranzuziehenden Anlieger früher hießen. Dass sich Roßlau gegenüber vielen Nachbarn sehen lassen kann, wurde somit zu einem Beitrag jedes einzelnen Bürgers, dem wir an einem solchen Tag wie diesem auch unseren besonderen Dank dafür zollen.
In die Dessauer Zeit fällt auch der Bau der Kaserne, an dem aber die Stadt Dessau unschuldig ist. Der sogenannte Heeresgutsbezirk Roßlau wurde erst am 1. Januar 1946 nach Roßlau eingemeindet. Da war Roßlau schon wieder selbständig. Die Pionierschule Roßlau mit all ihren Gliederungen und zugehörigen Einheiten hat unsere Stadt neben der Industrialisierung im 19.Jahrhundert am meisten geprägt. Sie war, wie gesagt, Ergebnis obrigkeitlichen Handelns, hier des Reichskriegsministeriums.
Alles übrige, und das ist mehr als man denkt, ist dem Engagement unserer Vorfahren durch all die Jahrhunderte zu verdanken.
Als wieder einmal der Fürst in finanziellen Nöten war, da erkannten die Roßlauer ihre Chance und arbeiteten am Mittelgraben und führten Reparaturarbeiten an der Burg aus, wofür sie als einzige Gegenleistung die schriftliche Bestätigung der Rechte und Freiheiten erbaten, die sie „vor alterß hero … hatten“. Und dies geschah dann auch am 14. Januar 1548 mit der Beurkundung der „Freiheit deß städtleinß Roßlaw“ durch Fürst Johann IV. von Anhalt (1504-1551), der sich auch gern auf der Burg aufhielt. Damit hatte Roßlau erste städtische Rechte wie die niedere Gerichtsbarkeit („der bussen darinnen, so von schlegen außerhalb kampfbar wunden gefallen“24) erhalten und wurde auch wie die anderen Städte Anhalts besteuert. Roßlau wurde dabei auch stets Stadt genannt, wie zuvor schon „städtlein“ und wie bereits erwähnt bis etwa 1700 auch immer wieder Fleck oder Flecken. Aber es fehlte immer noch das offizielle Stadtrecht, verbunden mit einem Sitz im Landtag.
Am 1. August 1603 war es endlich so weit. Fürst Johann Georg von Anhalt verlieh „als der jetzt regierende Landesfürst … Ihro Lieben Städtleins Roßlau … um Vermehrung ihrer Nahrung, auch erhoffenden Guten und Besten willen, ihnen und ihren Nachkommen jährlichen zweene unterschiedene freie Jahrmärkte, als einen den Sonntag vor Fastnachten25, den andern den Sonntag vor Matthai26, bei ihnen in unser Städtlein Roßlau drei Tage lang zu halten.“ Um dies zu befördern, sicherte der Fürst seinen Schutz zu und wurden die „dahin kommende Krämer des Stättegeldes auf 3 Jahre lang“ befreit.27
Als Junior im Bunde der drei Städte des Fürstentums Anhalt-Zerbst überließ man uns dann gern undankbare Aufgaben, wie die Unterbringung der russischen Kolonisten vor ihrer Reise in die neue Heimat an der Wolga (1765-1767) oder als Sammelpunkt der nach Amerika verkauften Soldaten im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Das bescherte uns aber wiederum den ersten katholischen Gottesdienst seit der Reformation nicht nur in Roßlau, sondern im ganzen Fürstentum. Am 15. August 1773 war dabei die Neugier so groß, dass viele Roßlauer (also Protestanten) an diesem Gottesdienst teilnahmen.
Werte Festversammlung,
die Zahl der Hauswirte hatte sich von 53 im Jahre 1555 zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges auf 80 erhöht. Da brach die große Katastrophe über Stadt und Region herein. Die 1583 von den italienischen Baumeistern Franzesco und Peter Niuronn in nur acht Monaten erbaute Elbbrücke hatte 40 Jahre lang den wirtschaftlichen Aufschwung an beiden Ufern befördert. Nun zog sie die feindlichen Heere „wie ein Magnetstein“28 an. Albrecht von Wallenstein (1583-1634) besetzte mit seinen kaiserlichen Truppen kurz vor Weihnachten 1625 die Brücke und ließ zu ihrem Schutz eine Schanze errichten. Diese wollte der für die protestantische Union kämpfende Graf Ernst von Mansfeld (1580-1626) erobern, musste sich aber einer großen Umgehungsschlacht der Kaiserlichen am 25. April 1626 geschlagen geben. Es war nicht nur Wallensteins erster Sieg als kaiserlicher Feldherr, sondern auch eine der blutigsten Schlachten des Krieges. Roßlau war schon beim ersten Angriff am 1. April 1626 Opfer der Flammen geworden. Nur etwa 15 Häuser waren übriggeblieben.
Was notdürftig wieder aufgebaut worden war, brannten kaiserliche Reiter 1637 nieder. 1645 zählte die Stadt von vordem vier Ackergütern und 80 Bürgern nur noch zwei Güter und 14 Familien. Der Wiederaufbau dauerte mehr als 50 Jahre. Um 1700 gab es immer noch Brandstätten.
Dass es nun doch aufwärts ging, belegt das Privileg für die Roßlauer Apotheke vom 6. Juni 1707. Und die Stadtschule erhielt 1699 einen Rektor, der auch gleichzeitig Nachmittags- Prediger war.
Der Rat, der außerstande war, das zerstörte Rathaus wieder aufzubauen, hatte das darauf liegende Privileg des Ausschanks von Zerbster Bitterbier 1628 privatisiert, gegen sechs Groschen jährlich an den Wirt des „Schwarzen Bären“ vergeben.
Die Brauerinnung konnte ihre Gerechtsame von 1591 erneuern. Fürst Karl Wilhelm von Anhalt-Zerbst (1652-1718) erneuerte 1680 auch das Jahrmarkts-Privilegium von 1603, aber die niedere Gerichtsbarkeit wurde bei der Erneuerung der Gerechtsame der Stadt nicht wieder bestätigt. Sie war ein Opfer der absolutistischen Bestrebungen der fürstlichen Durchlauchtigkeiten geworden.
Trotz des Stadtrechtes hatte die Bürgerschaft bis zum 19. Jahrhundert nicht viel zu sagen. Die Verwaltung bestand aus Bürgermeister, Kämmerer, Stadtschreiber, Stadtknecht und Rathmannen (später Viertelsmeister genannt). Es gab ein regierendes und ein ruhendes Mittel, die sich aller Jahre am Sonntag Estomihi abwechselten. Das ist der Sonntag vor der Fastenzeit. Der alte Rat legte Rechenschaft vor dem Amtmann ab, und dann zogen alle vom Rathaus über den Markt zur Stadtkirche, wo die Ratspredigt gehalten wurde.
Das 18.Jahrhundert erscheint uns oft unter den Eindrücken des Dreißigjährigen Krieges und der Napoleonischen Fremdherrschaft ziemlich ruhig. Aber kaum hatte sich die Stadt von den Kriegsfolgen erholt, brach am Morgen nach der Hochzeit in Johann Barthels Hause am 6. November 1717 durch die Unvorsichtigkeit der Magd ein Feuer aus, das binnen kurzer Zeit die halbe Stadt jämmerlich in Schutt und Asche legte. Der Wiederaufbau dauerte lange und konnte nur mit Hilfe auswärtiger Geldgeber gelingen. Dennoch empfingen die Roßlauer 1732 die Salzburger Exulanten herzlich, die eine Nacht in der Stadt übernachteten und nach einer Abschiedspredigt von Pastor Johann Ulrich Lohrengel (1670-1736) an der Heu-Scheune mit Geschenken überhäuft in Richtung Ostpreußen weiterzogen.29
Kaum waren die fremden Darlehen erledigt, brach der Siebenjährige Krieg über unser Ländchen herein, obwohl Anhalt-Zerbst gar keine Kriegspartei war. Das kümmerte den Preußenkönig überhaupt nicht und lastete Stadt und Land die sogenannte Dohna-Wedellsche Kontribution auf, die als eine Art Haushypothek umgelegt wurde. Noch bis in die ersten Jahre nach 1800 hatten die Hausbesitzer an den Zwangshypotheken zu tragen. Der Rat steuerte Pachterträgnisse zu, die Regierung half, wie sie es vermochte, was aber die Lasten nicht wesentlich minderte. Da half Zarin Katharina, die Zerbster Prinzessin, die wir zu Recht die Große nennen aus. Sie sandte in ihr Heimatland Korn und zahlte zur Abdeckung der Kontribution eine Tonne Gold. Das waren damals etwa 100.000 Taler. Ein Scheffel Roggen kostete damals 5 Taler, also wie ein fettes Schwein.30
Katharina hatte 1761 den Zarenthron bestiegen und lud mit ihrem Ukas vom 4. Oktober 1762 ihre deutschen Landsleute ein, sich an der fast menschenleeren Gegend an der mittleren Wolga anzusiedeln. Roßlau war zum Hauptsammelpunkt bestimmt worden. Von Mai 1765 bis August 1766 gingen etwa elf Züge auf die Reise in die neue Heimat. Viele Kolonisten waren ledig, so dass ihnen empfohlen worden war zu heiraten. Das Kirchenbuch ist voller Eintragungen solcher Hochzeiten, wo leider nur die Namen der Eheleute verzeichnet sind. So müssen wir immer wieder die Anfragen von Rußlanddeutschen nach besseren Informationen ablehnen. Aber eines ist geblieben, bei den Nachfahren hat der Name Roßlau einen fast verklärenden Klang.
Die nächste Katastrophe ließ nicht lange auf sich warten. Nach der Niederlage der Preußen bei der Schlacht von Jena und Auerstedt zogen sich die Truppen über die von Fürst Franz errichtete Elbbrücke zurück, worauf Husarengeneral von Usedom zur Sicherung dieses Rückzugs am 18. Oktober 1806 die Brücke abbrennen ließ. Tags drauf ließen die Franzosen eine Notbrücke über den Stümpfen errichten. Stadt und Dörfer wurden nun von etwa 60.000 französischen und etwa 5.000 verbündeten Sachsen überflutet und ausgeplündert. Das Ganze wiederholte sich, als die in Rußland geschlagene Grande Armee 1813 zurückströmte.
Kurze Zeit galten in Anhalt-Köthen, wozu Roßlau seit 1798 gehörte, das französische Gesetzbuch, der Code Civil (28. Dezember 1810) und die französische Verfassung (13. März 1811). Doch als der Napoleon fast abgöttisch verehrende Herzog August Christian (1769-1812) verstorben war, setzte Vater Franz in Dessau als Vormund des unmündigen Prinzen Emil (1802-1818) alles wieder außer Kraft. Bürgermeister Johann Christian Wilhelm Irmer (1757-1829) kehrte wieder in sein Amt zurück, allerdings als alleiniger Amtsinhaber. Um ihn angemessen bezahlen zu können, wurde das 2. Mittel abgeschafft.
Doch die Ideen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit hatten vor allem die Jüngeren angesteckt, was sich im „tollen Jahr 1848“ zeigen sollte. Die große Teuerung von 1847, die Ablehnung der berechtigten Forderung von 42 Bürgern zur Einführung einer Städteordnung und schließlich die Unruhen in Berlin und Dessau ließen 1848 auch in Roßlau die Wellen hochschlagen.31
Die Ereignisse überstürzten sich. Die Roßlauer gründeten eine Bürgerwehr, die sich auch eine Fahne in den Farben Schwarz-Rot-Gold gab. Sie ist leider in der NS-Zeit verschwunden.
Als die gemeinsame Dessau-Köthener Verfassung (Herzog Heinrich war 1847 kinderlos verstorben, die Linie Köthen war erloschen) am 28. Oktober 1848 beschlossen und tags darauf von Herzog Leopold IV. Friedrich von Anhalt-Dessau wenn auch widerwillig unterzeichnet worden war, feierte Roßlau drei Tage lang in der Kälberhainichte in Zelten das Konstitutionsfest, das Fest der Verfassung, die erstmals festschrieb: „Alle Gewalt geht vom Volke aus.“
Bürgermeister August Bergholz (1786-1872) war bei den „jetzigen Verhältnissen“ (wie er es selbst schrieb) zurückgetreten und der Kämmerer verstorben. So kam es in diesen Tagen zur ersten Kommunalwahl. Diese war auf Sonntag, 17. September 1848 anberaumt. Wahllokal war die Kirche, Ort auch für Bürgerversammlungen. Da sich aber nicht ⅔ der 344 wahlfähigen Bürger eingefunden hatten, musste die Wahl um acht Tage verschoben werden. Am 24. September 1848 erschienen 264 Bürger, die auf ihren Stimmzetteln den Namen ihres Bürgermeister-Kandidaten schrieben. Bei diesen Urwahlen standen 16 Namen zur Wahl zwischen 80 (Kaufmann Junge) und je einer Nennung (Apotheker Porse und Maurermeister Friedrich Schmidt). Bei der Stichwahl wurde der Holzhändler Carl Friedrich Eschebach (1813-1887) zum ersten freigewählten Bürgermeister der Stadt gewählt.
Mit der ersten Städteordnung vom 24. Februar 1849 erhielt Roßlau eine 15köpfige Stadtverordnetenversammlung. Das endgültige anhaltische Kommunalgesetzgebungswerk vom 1. März 1852 setzte die Zahl der Stadtverordneten wiederum auf 12 herab.
Dies war das politische Signal der Befreiung der Bürgerschaft von absolutistischen, aber auch von Innungsfesseln. Die Tatkraft der Bürger manifestierte sich aber schon in der den Befreiungskriegen folgenden Biedermeierzeit, die von Kritikern auch schon mal „Unzeit“32 genannt wurde.
Die 1821 verabschiedete Elbschifffahrtsakte (die Verwaltung sah leider keinen Anlass dieses besondere Jubiläum für unsere Stadt angemessen zu begehen) und der Neuaufbau der Elbbrücke 1836 beschleunigten die wirtschaftliche Entwicklung des Ackerbürgerstädtchens zur Industriegemeinde:
Gründung der ersten Zuckerfabrik Anhalts (1837),
Eröffnung des Roßlauer Bahnhofs (1841),
Gründung der Maschinenfabrik der Gebr. Sachsenberg (1844) und deren Eisengießerei (1849),
Chemische Fabrik von Böhme & Co. (1851),
Papierfabrik Müller & Schmidt (1859),
Kupfervitriolfabrik von Augustin (1864),
Schmierölfabrik Rosahl (1867),
Farbenfabrik (1867),
Draht- und Metallgewebefabrik Foest & Loesche (1869),
Strontianfabrik (1881) und Ergänzung um Potaschefabrik (1894),
Deutsch-Amerikanische Petroleum-Gesellschaft (1888) und
Seifenfabrik Flemming & Söhne (1892).
Es folgte eine ganze Reihe von Freiheiten und Freizügigkeiten, die der Stadtentwicklung weiteren Schub verliehen:
Aufhebung des Bierzwangs (1839) und des Salzdebits (1848), der Akzise (1843), die Einführung des allgemeinen Landesgewichts (1856), die Gewerbefreiheit (1869), nicht zu vergessen der schrittweise Abbau der Elbzölle.
Daneben stand das wohl großartigste Werk auf dem Wege zu einer freien Landwirtschaft, die Separation, ein Kulturwerk ohnegleichen, das in Roßlau 1874 abgeschlossen wurde.
„In jeder Weise hatte sich eine andere Welt aufgetan. Ein ungeheurer Umschwung im Wirtschaftsleben mit der Absicht, jedem Einzelnen möglichste Freiheit, aber auch möglichste Existenzfähigkeit zu geben, war erfolgt. Roßlau wurde unter ihm die Zelle zu einem modernen Stadtwesen“, schreibt Max Wolff in seiner Chronik von 1930.33
Diesen wirtschaftlichen Aufschwung verdankt die Stadt einzig und allein ihrer eigenen Tatkraft. Die Lage, die immer wieder zu Leid geführt hatte, wurde jetzt zum Katalysator ersten Grades. Roßlau wurde zur sich am schnellsten entwickelnden Stadt Anhalts.
1807 1074 Einwohner
1848 2067 Einwohner
1861 2863 Einwohner
1871 3772 Einwohner
1880 5384 Einwohner
1890 7628 Einwohner
1900 10059 Einwohner
1910 11354 Einwohner
1928 12925 Einwohner
01.03.1930 12947 Einwohner
Bürgermeister und Stadtverordnetenversammlung wurden von den Bürgern gewählt, die dazu das Bürgerrecht besitzen mussten. Dieses war an Vermögen, Grundbesitz oder bestimmte soziale Stellungen geknüpft. Dieses Recht war nicht einfach zu erlangen. Nach Erlegung des Bürgergeldes, der Ableistung des „Bürger-Eydes“ und oft auch der Finanzierung eines Bürger- oder Ratsessens erfolgte die Eintragung in die Bürgerrolle. Anfang des 20. Jahrhunderts war nur noch eine Gebühr zu entrichten. Leider gibt es nur noch eine Akte zur Bürgerrolle von 1909.
Die Novemberrevolution 1918 erstritt mit der demokratischen Republik auch das gleiche aktive und passive Wahlrecht für Männer und Frauen. Es war nur noch an die Reichszugehörigkeit und das Mindestalter von 18 Jahren gebunden. Die erste weibliche Stadtverordnete Marie Anna Auguste Kettmann (1858-1938) wurde sogar als Nachrückerin für den zum Ministerpräsidenten gewählten Heinrich Deist (1902-1964) zur ersten anhaltischen Landtagsabgeordneten.
Mit der Einführung des Führerprinzips auf allen Ebenen ging jede demokratische Legitimation in der NS-Zeit verloren.
Dafür gingen unsere Großväter nach dem Ende des Krieges und der Zerschlagung des Faschismus mit großem Elan ans Werk. Doch bald war die eiserne Knute der sowjetischen Besatzungsmacht zu spüren. Seit 1950 wurden nur noch die Kandidaten der Nationalen Front gewählt. Mit der Einführung des demokratischen Zentralismus 1952 wurde der Bürgermeister zu einem einfachen Staatsdiener. Seine Wahl durch die Stadtverordnetenversammlung war nur noch ein formeller Akt. Der Bürgermeister hieß Vorsitzender des Rates der Stadt und war dem Vorsitzenden des Rates des Kreises unterstellt und rechenschaftspflichtig. Für viele ältere Mitbürger ist das Rathaus immer noch der Rat der Stadt.
Und ohne Zustimmung des Sekretariats der SED-Kreisleitung ging sowieso gar nichts. Als am 17. Juni 1953 etwa 4.000 Bürgerinnen und Bürger für Freiheit, Demokratie und freie Wahlen demonstrierten34, endete der Protestzug vor der Kreisleitung im „Deutschen Hof“, dem späteren Kreiskulturhaus. Es war eine der größten Aktionen des Volksaufstandes im Bezirk Halle.
Die Kreisleitung bemächtigte sich 1963 des Rathauses. Die Stadtverwaltung hatte schon Ende der 1940er Jahre die so genannten „Gefolgschaftsbaracken“ der Gebr. Sachsenberg AG bezogen, und das Kreisgericht wurde in die Villa Richard Bruck an der Amtsmühle umgesiedelt.
Mit der friedlichen Revolution wurde neben Freiheit und demokratischer Rechtsstaatlichkeit auch die kommunale Selbstverwaltung erstritten. Die erste freigewählte Volkskammer der DDR verabschiedete die Kommunalverfassung vom 17. Mai 1990, die auch den Rechtsbegriff des Gemeindebürgers einführte. Die Wiedererlangung der kommunalen Selbstverwaltung nach fast 60 Jahren (genauer 57) und der damit verbundenen Bürgerrechte verdanken wir mutigen Männern und Frauen, die die drückende Last von Bevormundung und wirtschaftlichem Niedergang nicht länger hinnehmen wollten. Auch in Roßlau demonstrierten bis zu 6000 Personen Dienstag für Dienstag insgesamt 14mal für Presse- und Reisefreiheit, für freie Wahlen, für Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung, nachdem sie zuvor in der Stadtkirche für Frieden und Menschenrechte gebetet und gesungen hatten.
Wenn sich die Forderungen, vor allem nach der Dresdner Rede von Kanzler Kohl in Richtung einer schnellen Wiedervereinigung änderten, blieb eine Forderung von Anfang an bis zur letzten Demo kurz vor der Volkskammerwahl am 18. März 1990 immer dieselbe:
„SED raus – Bürgermeister rein!“ vorgetragen von Heinz Koch (1929-2005), dem wir am liebsten das Rathaus auf seinen Grabstein gemeißelt hätten.
Diese Flüche richteten sich gegen das Büro des 1. Sekretärs der SED-Kreisleitung im 2. Obergeschoß, das seit dem Einzug von Helmut Jost (1942-2015), dem ersten frei gewählten Bürgermeister der Stadt Roßlau seit 1916 (!) das Bürgermeisterbüro ist. Der damals gewählte Bürgermeister Albert Donnepp (1870-1958) wurde 1935 bei der Eingemeindung Roßlaus nach Dessau in den Ruhestand versetzt.
Ein Kunstwerk erinnert heute an das beherzte Handeln der Roßlauer Bürgerschaft für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, an den Einsatz für ihr Rathaus. Und ich halte es für einen Skandal, dass es sich die Verwaltung herausgenommen hat dies zu missachten und dem Ortsbürgermeister sein Büro zu verwehren, das wie gesagt tausende Roßlauer in den Wendetagen erstritten hatten.
Werte Festversammlung,
als ich um die Festrede zum 810jährigen Jubiläum gebeten wurde war mir klar, dass ich nicht die ganze Stadtgeschichte streifen und bedeutende Persönlichkeiten angemessen würdigen kann. Mit diesem „kleinen“ Jubiläum wollen wir die Ortschaft Roßlau, die unbestritten bedeutendste unter den 14 Ortschaften etwas näher in den allgemeinen Blickpunkt rücken. Dabei bot sich schon an das Bestreben zur kommunalen Selbstverwaltung vom Burmestere bis zum heutigen Oberbürgermeister zum roten Faden machen.
In den Jahren der Weimarer Republik wurden die Möglichkeiten genutzt, um das Leben der Einwohner zu verbessern, mit dem Bau von Siedlungs- und Heimstättenhäusern (sogar mit den bei den Bewohnern beliebten Baracken), aber auch der Walderholungsstätte für die Kinder sozial Bedürftiger in den Sommerferien. Unsere Sportplätze wurden gebaut, und just, als die Brüningsche Notverordnung öffentliche Investitionen untersagte, baute der Roßlauer Magistrat auch dank eines Sparbuchs 1930 Sparkasse und Stadtbad durch einen der besten Architekten der Bauhaus-Stadt, den Dessauer Kurt Elster.
Über 40 Jahre DDR-Zeit gäbe es natürlich auch eine Menge zu erzählen. Schulen und Kindergärten wurden gebaut. In mehreren Etappen wurden Wohnungen gebaut, staatliche wie genossenschaftliche. In den 1970ern kam der sogenannte Komplexe Siedlungsbau hinzu. Das Ganze war staatlich gelenkt, was nach der Wiedervereinigung zu der widersinnigen Ansicht führte, die Wohnungsbaukredite seien kommunale Schulden. Der Wohnungsbau erfolgte mit staatlichen Mitteln. Bundes- und Landesmittel würden wir es heute nennen, von einer 100%igen Förderung sprechen.
Daneben gab es aber auch noch das sog. „Organisieren“. Es entstanden Einrichtungen, Parkanlagen und vieles mehr außerhalb der staatlichen Vorgaben. Als Beispiel sei hier nur der „schönste Schwarzbau von Bürgermeisterin Anneliese Clemens“ (1916-1985) genannt, der Rundling in der Bernsdorfer Straße. So nannte ich es, als wir zu ihrem Gedenken dort einen Gingkobaum, den „Baum der Toleranz“ pflanzten.
An einem solchen Tag der Jubiläumsfeier ist natürlich auch das Herz voll, von der Wende zu schwärmen. Wem geht es nicht so, wenn er daran zurückdenkt? Was war alles möglich, und was haben wir alles möglich gemacht?
Und dann der Start in der erst einmal umfassend aufzubauenden Stadtverwaltung mit einer Stadtverordnetenversammlung, die in großer Einmütigkeit an den Neuaufbau ging. Roßlau kann Laga! Als es um die Bewerbung um die Landesbauausstellung 1994 ging, stimmte der Rat einstimmig unter einer Bedingung zu, es dürfe keine andere der Aufgaben dadurch vernachlässigt werden.
Ich denke, dass uns das mit Bravour gelungen ist.35
Wie in den Jahrhunderten zuvor, wo es stets der Bürgerfleiß war, der die Stadt wieder erstehen ließ, so waren es auch jetzt die Bürger dieser Stadt, die mit ihren Straßenausbaubeiträgen und Baukostenzuschüssen das Investitionsniveau der Stadt mehrten. Und niemand musste sein Haus deshalb aufgeben, wie es von den Gegnern leider immer wieder dargestellt wird.
Was hier zu kritisieren ist, sind die Eingriffe der Landespolitik in die Selbstverwaltung. Statt es bei einer Satzungsermächtigung zu belassen, Roßlau war die erste Stadt im Regierungsbezirk Dessau mit einer Straßenausbaubeitragssatzung, wurden in den späten 1990er die Kommunen gezwungen solche Satzungen zu verabschieden, um jüngst das Satzungsrecht den Gemeinden und Kreisen nun leider komplett zu entziehen.
Dankbar schauen wir auf das großartige ehrenamtliche Engagement, das unsere Stadt so reich macht. Stellvertretend für so viele in acht Jahrhunderten darf ich den Kirchenältesten Nicolai Hoppe (vor 1620-1663) nennen, der 1658 in fast allen protestantischen Ländern Mittel- und Süddeutschlands Geld für den Wiederaufbau von Stadt und Kirche sammelte.
Und Hofuhrmachermeister Gustav Bölke (1863-1933), der 1914 als Vorsitzender des von ihm 1906 mitgegründeten Gewerbevereins ein Ausbildungsbataillon und damit Aufträge für Handel, Handwerk und Gewerbe in die Stadt holte.
Sowie Stadträtin Hannelore Sauermilch (* 1937), die unermüdlich für ein Arbeitszeitmodell in den Kindereinrichtungen kämpfte und dabei eine großartige Solidarität unter den Erzieherinnen entfachte, so dass niemand entlassen zu werden brauchte.36
810 Jahre sind uns auch Verpflichtung in eben diesem Engagement nicht nachzulassen.
Unsere Begeisterung wird unsere Jugend begeistern, die ihre Heimat liebt, ihren „Anker & Heimathafen“ – ihr „bella Roßlau“37.
Schon der Philosoph und Mathematiker Gottfried Wilhelm Freiherr von Leibnitz (1646-1716) wusste: „Es ist eine meiner Überzeugungen, dass man für das Gemeinwohl arbeiten muss und dass man sich im selben Maße, in dem man dazu beigetragen hat, glücklich fühlen wird.“
Dann werden wir auch die aktuellen Herausforderungen des demografischen Wandels meistern können. Lassen wir uns anstecken von unseren Vorfahren, die inmitten der Wüste des Dreißigjährigen Krieges Familien gründeten, die vor 80 Jahren an die Zukunft unserer Stadt wie unseres Landes glaubten und trotz Hungers und Not Kindern das Leben schenkten.
Ist unsere Kommune nicht auch eine große Familie, die umso stärker ist, je mehr sie zusammensteht? Dann können wir auch guten Mutes den neuen Gründerjahren entgegeneilen, die unsere Stadt so dringend braucht.
Verehrte Festgemeinde,
ich sprach eingangs über das Bürgerrecht, das in der Bürgerrolle verbrieft war. In Erinnerung an das 400 Jahre alte Stadtrecht hatte der Stadtrat am 27. September 2001 beschlossen die Bürgerrolle wieder einzuführen. In Besinnung auf die Wurzeln unserer eigenen Stadtwerdung und Stadtentwicklung wollen wir die Bürgerschaft ermuntern, sich der Bürgerschaft zu vergewissern und sich aktiv und engagiert für eine gute Zukunft unserer Stadt einzusetzen, am Aufbau der Stadt teilzuhaben.
Perikles (um 490-429 v.Chr.), der wohl berühmteste Bürgermeister der Menschheitsgeschichte formulierte es vor fast 2.500 Jahren (im Jahre 430 v.Chr.) wie folgt:
„Wer an den Dingen seiner Stadt keinen Anteil nimmt, ist nicht ein stiller Bürger, sondern ein schlechter.“
Und der für seine flotten Sprüche bekannte frühere Oberbürgermeister der Stadt Stuttgart, Manfred Rommel (1928-2013) ruft es uns drastischer zu:
„Nicht der ist ein guter Bürger, der etwas will, sondern der auch etwas gibt, und zwar mehr als seinen Senf zu allem und jedem.“
So möchte ich heute an der Schwelle des Jubiläumsjahres „810 Jahre Roßlau“ vorschlagen, die bis 2007 geführte Rolle weiterzuführen und Bürgerinnen und Bürger einzuladen sich mit ihrer Eintragung als solche öffentlich zu bekennen, dass wir einfach gern Bürger dieser Stadt sind und uns auch gern für das Wohl der Stadt und ihrer Bewohner einbringen.38 Es sind die guten, alten Bürgertugenden, die unsere Städte alle Schwierigkeiten und Katastrophen meistern und sie bis auf den heutigen Tag zu den Trägern von Wohlstand und Fortschritt, von Demokratie und Toleranz in unserem Lande werden ließen.
So lassen Sie mich mit dem Ratsspruch der schlesischen Stadt Oels (Oleśnica) schließen:
„Wer sich mit Recht und gern nennt Bürger dieser Stadt,
dem gilt ihr Name schon als Zier und Würde;
wer dieser Stadt sein Glück zu danken hat,
der trage gern zum Dank auch ihre Bürde.“
Ad multos annos und Gottes Segen der Stadt und ihrer Bürgerschaft.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.
Quellen:
1 Auch Brisaner, ein elbslawischer Volksstamm, der vornehmlich in der Prignitz siedelte mit Havelberg als Zentrum. Albrecht der Bär eroberte das Land während des Wendenkreuzzuges 1147.
2 Die Stodorjane, meist Heveller genannt wohnten an der mittleren Havel zwischen Spandau und Rathenow.
3 zit. bei Frank Kreißler: Dessau bis 1900. Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale), 2015, S. 14
4 Belczem, südlich des Wendlands
5 So nennt Helmold von Bosau die heutige Wiesche in der Altmark.
6 Kreißler, a.a.O., S. 14
7 Neudorf, Hey, S. 84
8 Deutschdorf, ebenda, beides Sorbenweiler östlich von Jonitz im Besitz des Ballenstedter Klosters
9 Daraus entstand der Schilling.
10 Joachim Herrmann [Hrg.]: Die Slawen in Deutschland. Geschichte und Kultur der slawischen Stämme westlich von Oder und Neiße vom 6. bis 12. Jahrhundert. Akademie-Verlag, Berlin, 1985, S. 410
11 CDA, I, 454
12 CDA, III, 712
13 Ulla Jablonowski, Lutz Reichhoff: Dessau-Wörlitzer Kulturlandschaft. Leipzig, 1992, S. 141
14 Eike von Repgow: Der Sachsenspiegel. Manesse Verlag, Zürich, 2. Aufl., 1991, S. 218, III/71,1
15 CDA, II, 747; 10.04.1293 Abschaffung des Wendischen als Gerichtssprache
16 Kirchenbuch Mühlstedt, Taufregister Mühlstedt und Streetz, fol. 55, 57, 61 u. 70
17 Kreißler, Dessau bis 1900, a.a.O., S. 26
18 Max Wolf u. R.O. Irmer: Chronik der Stadt Rosslau. Magdeburg, 1930, S. 7
19 Weyhe, Landeskunde von Anhalt 2, S. 70: Einwohnerentwicklung (1880-1900)
Coswig: 5453 (1880) 6476 (1890) 7817 (1900) + 226%
Roßlau: 5384 (1880) 7628 (1890) 10059 (1900) + 693%
20 Der erste namentlich erwähnte Bürgermeister ist 1576 Clemens Hintze.
21 LAR, S. 113f.
22 Der Karpfen zierte auch die Wetterfahne des Rathauses.
23 Ulla Jablonowski: Jahre des Übergangs. Anhalt um 1560, mit Ausblicken bis 1590. II. Dörfer und Städte, Bevölkerungswachstum, Lebensverhältnisse. In: Mitteilungen des Vereins für Anhaltische Landeskunde, 21. Jg. 2012, S. 53ff.
24 LRA, 1548, S. 151f.
25 Sonntag Estomihi, der sog. Tulpensonntag, an dem der Karnevalsumzug stattfindet
26 Das ist der 21. September.
27 Zit. in: Roßlauer Wochenblatt, Nr. 33 v. 23.04.1887
28 Wolff, a.a.O., S. 9
29 Aus der Kirchenkasse werden 16 Groschen „zur Collecte vor die emigrirenden Saltzburger“ dazugegeben. [Kirchen-Rechnung von Mich: 1731 biß Mich: 1732 abgelegt von Zachar. Wernitzen, Vorst.]
30 Wolff, a.a.O., S. 11
31 Wolff, Irmer, a.a.O., S. 32
32 Helmut Bock: Unzeit des Biedermeiers. Prolog des gleichnamigen Buches, Union-Verlag, Leipzig, Jena, Berlin, 1. Aufl., 1981
33 Wolff, Irmer, a.a.O., S. 41
34 „Resolution der Belegschaft der Rosslauer Schiffswerft
Aufgrund der politischen Ereignisse hat sich die Belegschaft der Roßlauer Schiffswerft entschlossen eine Betriebsversammlung einzuberufen, um zu diesen Fragen Stellung zu nehmen. In der Diskussion hat sich herausgestellt, daß die Belegschaft fordert:
1. Freie, gleiche und geheime und direkte Wahlen auf demokratischer Grundlage
2. Freie politische Betätigung für alle friedliebenden Parteien
3. Aufhebung der Zonengrenzen
4. Freie Aussprache und Sicherheit der Person
5. Sofortige Aufhebung der Staatlichen Handelsorganisation
6. Sofortige Freilassung der politischen und Kriegsgefangenen, außer Kriegsverbrechern
7. Strenge Bestrafung der ZK- und Regierungsfunktionäre, die für die Fehler verantwortlich zu machen sind
8. Normenerleichterungen und gesunde Arbeitsbedingungen
9. Restlose Wiedereinsetzung der vertriebenen Handwerker und Bauern
Diese Resolution den zuständigen Regierungsstellen zu unterbreiten, fordert die Belegschaft, eine aus ihrer Mitte gebildete Delegation sofort den zuständigen Ministerien in Berlin zu überbringen.
Roßlau, den 17.6.1953“ [Bezirksleitung Halle der SED IV/2/55/1135, Bl.115]
35 Kurze Aufzählung der Ereignisse binnen dreier Monate im II. Quartal 1994:
06.05.1994 Richtfest 1. Bauabschnitt Luchplatz
09.06.1994 Inbetriebnahme Erdgasnetz in Meinsdorf
09.06.1994 1. Spatenstich Gewerbegebiet Ost
10.06.1994 Eröffnung Landesausstellung „Bauen und Wohnen in Europa“ und des Europadorfes
12.06.1994 Eröffnung Götzen Baumarkt (toom)
18.06.1994 Einweihung des Schlacht- und Zerlegebetriebes Tornau
22.06.1994 Eröffnung des Büros der MEAG-Niederlassung Roßlau
23.06.1994 Eröffnung des West-Centers
20.07.1994 Richtfest für die Lückenbebauung Hauptstr. 128/129 (Astra-Hotel und AOK-Geschäftsstelle)
36 Frau Sauermilch gründete auch die Fraueninitiative Roßlau, die am 29.11.1999 den „Von Frauen für Frauen“ e.V. gründete, deren erste Vorsitzende ebenfalls Hannelore Sauermilch war.
37 Dieses Roßlau gewidmete Lied sangen die „Rosselsänger“ des RKC zum Abschluss des Festaktes „810 Jahre Roßlau“ im Ratssaal.
38 Die entsprechenden Unterlagen für eine neue Befassung liegen dem Ortschaftsrat seit 10.04.2025 vor.
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