Kunst im Gespräch – Jörg Hundt (Künstler & Maler aus Roßlau)
Ein Interview von und mit Martin Hartmann & Mike Kaltofen

Intro:

Kunst hat viele Sprachen – die von Jörg Hundt ist eine besonders persönliche. Der in Dessau geborene und in Roßlau verwurzelte Künstler verbindet handwerkliche Präzision mit einem wachen Blick für das Schöne im Alltäglichen. Seine Werke entstehen im Spannungsfeld zwischen Emotion und Beobachtung, zwischen Tradition und eigener Handschrift.

Im Gespräch mit unser-roßlau öffnet er die Tür zu seiner künstlerischen Welt: zu frühen Begegnungen mit der Malerei, zu Zweifeln und Flow-Momenten, zu der Inspiration, die er in der Landschaft seiner Heimat findet, und zu seiner Rolle als Chronist einer sich stetig verändernden Umgebung.

Zum Künstler:

Jörg Hundt, geboren 1958, bezeichnet sich selbst als gebürtigen Dessauer „Sonnenkopp“. Seit vielen Jahren ist er jedoch in Roßlau verwurzelt, verheiratet, Vater 3er Kinder und hier zuhause.

1. Werdegang & Motivation:

unser-roßlau: Wie bist du zur Kunst gekommen? Gab es einen Schlüsselmoment?
Jörg Hundt: Ja. Als Kind habe ich meinen ersten Aquarellkasten von einem Onkel geschenkt bekommen. Er malte selbst und sagte: „Probier mal aus.“ Das war der Anfang.

unser-roßlau: Gab es weitere Menschen, die dich auf deinem künstlerischen Weg unterstützt haben?
Jörg Hundt: Ja. Mein Onkel und meine Eltern. Später habe ich viele Dessauer Künstler kennengelernt – damals war ich noch 14 Jahre alt. Dazu gehörten Heinz Rammelt (der Tierparkmaler), Rudolph Hugk, Benno Butter und Heinz Szillat. Sie gaben Kurse, an denen ich teilnehmen durfte.

unser-roßlau: Welche Erinnerungen aus deiner Kindheit oder Jugend verbindest du mit deiner Kreativität?
Jörg Hundt: Vor allem die vielen Besuche in der Galerie im Georgengarten, die ja nun leider zum Verkauf stehen soll.

2. Persönliche Haltung & Gefühle:

unser-roßlau: Was bedeutet Kunst für dich persönlich?
Jörg Hundt: Kunst bedeutet für mich, Gefühle, Emotionen und Eindrücke einzufangen und darzustellen – ohne ein Foto. Gleichzeitig fördert Kunst die gesamte Persönlichkeit: Motorik, Fantasie und Kreativität. Das kommt heute oft zu kurz.

unser-roßlau: Welche Emotionen möchtest du in deinen Arbeiten transportieren?
Jörg Hundt: Ich möchte nicht die Realität eins zu eins abbilden – das können Kameras. Wie die Impressionisten und Expressionisten verfälsche ich bewusst die Wirklichkeit, um zu zeigen, wie es sein könnte. Das, was ist, hält jede Kamera fest. Ich will darüber hinausgehen.

unser-roßlau: Was fühlst du mitten im kreativen Prozess?
Jörg Hundt: Eigentlich nichts. Ich bin komplett fokussiert. Handwerklich muss ich nicht mehr nachdenken. Dann bin ich im Flow – mit mir selbst im Reinen.

unser-roßlau: Gibt es Momente des Zweifelns?
Jörg Hundt: Ja, viele. Oft sogar kurz vor der Fertigstellung eines Werkes. Und natürlich vergleicht man sich mit großen Künstlern – da reicht man oft nicht heran, und das will man sich aus Respekt auch nicht anmaßen. Aber durch jahrelanges Lernen, auch durch das Kopieren von Dürer oder Rembrandt, habe ich Schritt für Schritt meinen eigenen Stil gefunden. Heute vergleiche ich mich nicht mehr.

3. Inspiration & Alltag:

unser-roßlau: Woher nimmst du deine Energie und Inspiration?
Jörg Hundt: Aus der Schönheit unserer Umgebung – egal ob städtische Szenen oder die vielfältige Landschaft. Der Wörlitzer Park begleitet mich mein Leben lang; ich bin mindestens einmal pro Woche dort. Es gibt immer wieder Neues zu entdecken, auch wenn man glaubt, schon alles festgehalten zu haben.
Vor drei Jahren habe ich außerdem mit einer Berlinerin, die nach Vockerode gezogen ist, eine Urban-Sketching-Gruppe gegründet. Wir zeichnen überall und bei jedem Wetter. Auf Instagram sehen sich jeden Monat 3000 bis 4000 Menschen meine Skizzen an – das erfüllt mich mit einem gewissen Stolz, gerade als 58-Jähriger.

Instagram Profil: Jörg Hundt

Facebook Profil: Urban Sketchers Dessau-Wörlitz

4. Arbeitsweise:

unser-roßlau: Hast du Rituale oder Gewohnheiten beim Arbeiten?
Jörg Hundt: Ich bereite das Bild gedanklich vor. Beim Aquarell muss das Motiv im Kopf fertig sein. Ich mache viele Entwürfe und Kompositionsskizzen. Ein festes Ritual wie „immer derselbe Pinsel“ habe ich aber nicht.

unser-roßlau: Welche Musik, Bücher oder Erlebnisse inspirieren dich?
Jörg Hundt: Ich habe viele Künstlerbiografien gelesen, zuletzt die englische Version der Leonardo-da-Vinci-Biografie. Zurzeit bin ich großer Feininger-Fan. Er konnte mit wenigen Strichen das Wesentliche erfassen – das inspiriert mich sehr.

unser-roßlau: Was tust du, wenn du keine Inspiration hast?
Jörg Hundt: Das kommt häufiger vor. Dann fahre ich mit dem Fahrrad los. Vielleicht entdecke ich etwas Schönes. Manchmal komme ich aber auch ohne neue Idee zurück und habe meine Stifte nur spazieren gefahren – dann ist das eben so. „Ich erzwinge nichts.“

5. Selbstbild als Künstler:

unser-roßlau: Wie siehst du dich als Künstler – eher als Träumer, Handwerker, Chronist oder Forscher?
Jörg Hundt: Von allem etwas. Handwerker, weil die Technik sitzt. Chronist, weil ich festhalte, was mir begegnet.
Ich plane auch ein Projekt für das kommende Jahr: Von der Elbbrücke bis zum Ortsausgang Roßlau möchte ich Orte zeichnen, die ich persönlich interessant finde.
Und wo wir gerade beim Thema Chronist sind: Ich habe die alte Litfaßsäule in der Hauptstraße gemalt – und ehe man sich versieht, ist sie verschwunden. Schade. Das Bild hängt momentan in meiner Ausstellung in der Ölmühle.

6. Haltung zur Kunst:

unser-roßlau: Wie wichtig ist dir Authentizität?
Jörg Hundt: Beim Urban Sketching sehr. Die Menschen schauen heute viel weniger genau hin. Ich zeige den Ist-Zustand. Urban Sketching bedeutet: keine Postkartenmotive, sondern Realität – auch wenn Müll herumliegt.

unser-roßlau: Welche Werte möchtest du weitergeben?
Jörg Hundt: Zeichnen und Malen fördern die Persönlichkeitsentwicklung, das genaue Hinsehen und das kritische Denken. Das gebe ich Kindern weiter – deshalb unterrichte ich noch.

unser-roßlau: Drei Worte, die dich selbst beschreiben?
Jörg Hundt: Kreativ, ungeduldig, sozial.

7. Erfolg & Zukunft:

unser-roßlau: Was wäre für dich der größte Erfolg als Künstler?
Jörg Hundt: Eine große Ausstellung in meiner Heimat Dessau oder Roßlau – um wirkliches Feedback zu bekommen. Ich stelle bereits aus, aber viele Räume bekommt man nur über Kunstvereine. Verkaufen ist schön, aber nicht mein Ziel. Ich möchte Freude an meiner Arbeit haben.
Im Januar habe ich eine große Ausstellung in Schköna bei Gräfenhainichen. Viele große Bilder, verschiedene Epochen, meine Entwicklung. Dass man mich dorthin eingeladen hat, zeigt mir, dass meine Arbeit anerkannt wird.

Fazit:

Jörg Hundt zeigt, dass Kunst weit mehr ist als Technik oder Talent – sie ist Haltung, Aufmerksamkeit und die Fähigkeit, das Wesentliche sichtbar zu machen. Sein Weg vom begeisterten Schüler zum anerkannten Urban Sketcher und Aussteller ist geprägt von Neugier, Geduld und der Bereitschaft, immer weiter zu lernen.
Ob im Wörlitzer Park, in den Straßen von Roßlau oder im Austausch mit seiner Urban-Sketching-Gruppe – er hält fest, was viele übersehen und lädt dazu ein, wieder genauer hinzuschauen.
Seine Bilder sind Momentaufnahmen einer Region, aber auch Spiegel seiner Persönlichkeit. Und vielleicht liegt genau darin sein größter Erfolg: Menschen berühren zu können, indem er zeigt, wie reich das Naheliegende sein kann.

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